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Dieser umfangreiche Artikel im Berliner Stadtmagazin TIP war eine der ersten Informationsquellen über den Fall der in Berlin gebürtigen Debra Milke. Er war maßgeblich Auslöser dafür, dass sich viele Menschen in Deutschland, aber auch in der Schweiz, in Österreich und anderen Europäischen Ländern für dieses offensichtliche juristische Fehlurteil und die Praktiken in Arizona, USA zu interessieren begannen. In den Jahren 2001/02 hat eine erneute, intensive Recherche aller Unterlagen in Debra's Fall ein deutlich klareres Bild ergeben; ein Bild, dass den Behörden und Anklägern Debra's nicht gefallen kann und ein neues Licht auf die tatsächlichen Geschehnisse in jenen frühen Dezembertagen 1989 wirft. Wir haben daher Kommentare hinzugefügt; nicht, um den Artikel oder dessen Autor zu kritisieren, sondern um aufzuzeigen, auf welchem 'Halbwissen' die öffentliche Meinung, aber auch die Berichterstattung und die Verurteilung von Debra basierte. Die meisten Informationen, auf denen dieser Artikel basiert, hatten die Autoren seinerzeit von Debra's Verteidigungsanwalt, ANDERS V. ROSENQUIST. Es wird sich zeigen, dass seine Informationen an vielen Stellen unvollständig und die Interpretationen hieraus falsch waren. Große Teile der in unseren Kommentaren aufgestellten Behauptungen und Tatsachen sind im englischen Teil der Webseite mit der Reproduktion der Original-Dokumente belegt und wurden in großem Umfang von der Debra vertretenden Rechtsanwaltskanzlei KIMERER & DERRICK P.L.C. übernommen und sind seither auch im Berufungsverfahren verwendet worden. |
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Nach den LaGrand-Brüdern soll auch die gebürtige Berlinerin Debra Jean Milke in Arizona hingerichtet werden. Verurteilt wegen Anstiftung zum Mord an ihrem Sohn CHRISTOPHER. Doch es gibt keinen Beweis, für das es keine Zeugen und keine Belege gibt, nur das Wort eines ehrgeizigen Polizisten. Über Leben und Sterben in Arizona und die mörderische Lynchstimmung im Wüstenstaat. Von Ingo Hasselbach, Karl Hermann und Christian Kruppa (Fotos) "Willkommen im Canyon State", steht an den Tafeln, wenn man von Kalifornien aus die Grenze nach Arizona passiert. Nirgends ist der Wilde Westen so wild wie hier, nirgends ist er rauher: der Grand Canyon, rote Felsen, kahle Kakteen und Klapperschlangen. Arizona - ein Land für Starkraucher und Reklamefotografen. Und für Freunde der Todesstrafe! Ungemütlich wird es für den Besucher, wenn er beruflich in Arizona zu tun hat. Wenn er Journalist ist. Wenn er, so wie wir, eine Geschichte zum Thema Todesstrafe schreiben will. Dann bemerkt man plötzlich die grünen Hinweisschilder an den Interstates. Untrügliche Zeichen dafür, daß man in der Nähe eines Gefängnisses ist. "Don't stop for hitchhiker" heißt es da. Es gibt viele Gefängnisse in Arizona und viele Schilder. Nur keine Anhalter ! Ein Gefängnis steht in Goodyear, ein staubiges Kaff westlich von Phoenix, das wir über die Interstate 10 erreichen. Schon von weitem sieht man die Anlage in fahles Flutlicht getaucht. Arizona State Prison, Ortsteil Perryville. Im Radio läuft "Keep On Rockin' In The Free World" von Neil Young. Doch in Perryville ist die freie Welt zu Ende. Hier bewacht man den Knast - oder man sitzt darin. Zum Beispiel Debra Jean Milke - genannt "Debbie". Debbie's Lebenslauf läßt sich in ein paar Zeilen zusammenfassen und könnte vielleicht so lauten: Geboren 1964 in Berlin, aufgewachsen in Phoenix, Arizona, gestorben 1999 in Florence, Arizona. Todesursache: "lethal injection", zu deutsch: Giftspritze. Debbie Milke, 34 Jahre alt, ist seit neun Jahren "on death row" - auf jenem Highway, der nur noch eine Abfahrt kennt: die Hinrichtungskammer. Debbie Milke ist so etwas wie ein exotisches Tier im Wildpark Arizona: Sie ist nicht nur die einzige Gefangene im Todestrakt von Perryville, sie ist überhaupt die einzige Frau in Arizona, die derzeit auf ihre Hinrichtung wartet. Die zweite in der Geschichte des Landes. Ein prominentes Prestigeobjekt des früheren Generalstaatsanwalts Grant Woods - und, wenn man der einzigen Tageszeitung in Arizona, der "Arizon Republic", glauben darf, das schlimmste Monster im ganzen Land: eine "kaltblütige Kindsmörderin", die die "Hinrichtung" ihres vierjährigen Sohnes Christopher in Auftrag gegeben haben soll - für lumpige 5000 Dollar aus einer Versicherungsprämie ! So jemanden will man in Arizona an der Giftspritze hängen sehen. Sagen jedenfalls der Tankwart und der Sheriff. Sagen auch die Politiker, von denen nicht wenige am liebsten selbst die Todeskanüle ansetzen würden. Kindsmord ist in Arizona keine Seltenheit. Fast monatlich berichten die Medien über irgendeine wildgewordene "Valley woman", die ihr Kind tötete und zerstückelte. Keine davon landete je in der Todeszelle. Doch das ist eine andere Geschichte. "Welcome in Goodyear. Arizona" steht auf dem Ortsschild. Gas geben ist der erste Gedanke, wenn man am Perryville-Gefängnis vorbei fährt. Gas geben wollen hier auch viele Bewohner. Das günstigste Motel im Ort ist ein Best Western mit gesalzenen Preisen. Spätabends in der Bar will die freundliche Bedienung wissen, was wir in Goodyear wollen. "Eine Geschichte über Debbie Milke schreiben." Danach wird die Stimmung trotz brütender Hitze eisig. "Aber das Wetter ist doch schön hier, oder?" bemerkt die Bardame und verschwindet. Debbie Milkes Geschichte ist ein Leben im Teufelskreis aus Liebe, Enttäuschung, Haß und Drogen. Dabei hatte es harmonisch begonnen, als "Frollein-Wunder" im GI-Bezirk Zehlendorf. Debbie's deutsche Mutter RENATE hatte sich in den Amerikaner RICHARD 'Sam' SADEIK verliebt. Beide heirateten, bekamen eine Tochter. Eine besatzerbehütete Kindheit in Berlin: Debbie erinnert sich in Gefängnisbriefen an die Großeltern in Tempelhof, an das Waldgebiet rund um die Krumme Lanke, an Ku'damm-Bummel und Zoo-Besuche. Wenn sie irgendwann überhaupt noch einmal ein menschliches Leben führen dürfe, schreibt sie, dann möge es doch "bitte!" in Berlin sein. Doch dann wurde Sam Sadeik in die USA zurückberufen, nach Phoenix in Arizona. Debbie's Schwester Sandy wurde geboren. Die Eltern arbeiteten auf der Luke Airforce Base, beim Bodenpersonal. Die Basis lag in Goodyear, direkt hinter dem Perryville-Gefängnis. Renate betreute deutsche Starfighter-Piloten, die hier zu Ausbildungszwecken stationiert waren. Die Welt war in Ordnung. Auch heute jagen Jets über den Prison-Komplex, als wir die Litchfield Road zu Debbie's Mutter, RENATE JANKA, fahren. Seit über einem Jahr lebt sie wieder in Goodyear, nur ein paar Hundert Meter entfernt von der Zelle, in der ihre Tochter auf die Hinrichtung wartet. Debbie möchte keine Besuche - sie müßte in einem Käfig sitzen und sich hinterher beim strip-search vor männlichen Wärtern entkleiden. Aber Mutter und Tochter telefonieren einmal wöchentlich für fünf Minuten. Den Rest der Zeit kämpft RENATE JANKA für die Wiederaufnahme des Verfahrens. Sie schreibt Briefe, instruiert Anwälte, bereitet Interviews vor und hält die weltweite Unterstützergemeinde via Internet auf dem Laufenden. Zwischendurch ruft der "Spiegel" an oder das ZDF, amnesty international oder ein Spendenkomitee. Vielleicht ist es das schlechte Gewissen der Mutter, die ihre Tochter vor Jahren allein zurückließ, das RENATE JANKA antreibt, den beinahe aussichtslosen Kampf gegen den Justizapparat Arizonas aufzunehmen. Die Ehe der SADEIKS war gescheitert. Aus dem Traum-GI war ein trinksüchtiger, zynischer Familientyrann geworden: "Niemand trennt sich von Sam Sadeik", droht er seiner Frau, als sie die Scheidung einreicht: "Eines Tages wirst du dafür bezahlen." Das nahm sie damals nicht weiter ernst. Inzwischen kennt sie den Preis ihrer Trennung. Doch zunächst zieht sie mit ihren zwei fast erwachsenen Töchtern in ein neues Apartment. Debbie und Sandy sind aus verschiedenem Holz. Während die eine schulisch erfolgreich ist, hat die andere Probleme, während die eine mehr an der Mutter hängt, fühlt sich die andere mehr zum Vater hingezogen. Familienkräche sind die Folge. Sandy stiehlt, fälscht die Schecks ihrer Mutter. Als diese verzeifelt, schickt sie sie zu SAM SADEIK zurück. Der ist inzwischen Gefängnisaufseher in Florence geworden, einem der härtesten Knäste in Arizona. Und nicht nur das: In Florence finden die Hinrichtungen des Wüstenstaats statt. Renate Janka hat inzwischen einen neuen Mann kennengelernt: einen Deutschen. Mit ihm kehrt sie nach Europa zurück. Debbie bleibt in Phoenix, 19 Jahre alt, ledig und ohne Kontakt zur Familie. Mit SANDY verbindet sie eine Haß-Liebe, mit ihrer Mutter Trauer: "Ich habe nicht verstanden, warum sie mich verlassen hat. Ich war zwar alt genug, um klarzukommen. Aber in meinem Kopf war nur ein Gefühl von Verlust und Leere." Zu der Zeit muß es gewesen sein, daß Debbie Milke in einen verhängnisvollen Freundeskreis geriet. Ein Kreis aus Drogenabhängigen und gefährlichen Psychopathen. Es ist der 2. Dezember 1989. Ein Mann steht in einer Shopping Mall und versucht der Polizei zu erklären, daß er gerade einen kleinen Jungen verloren hat: CHRSITOPHER MILKE, vier Jahre alt, gekleidet in Jeans und gelbem Sweatshirt, mit einem grünen Triceratops darauf gestickt. JAMES STYERS heißt der Mann. Er erklärt, daß er mit einem Freund und dem Jungen zum Einkaufszentrum gefahren sei, um Fotos mit Santa Claus anzufertigen. Der Junge war aufgeregt, wollte dem Weihnachtsmann die Hand geben, und plötzlich war er verschwunden.
Doch etwas macht die Beamten stutzig. Zeit- und Ortsangaben differieren, STYERS wirkt unkonzentriert und gehetzt. Und so nimmt die Polizei ihn ins Verhör und, etwas später, seinen Begleiter Roger SCOTT. Der vernehmende Detective ist ein gewisser ARMANDO SALDATE, ein Polizist mit brutalem Auftreten und bulligem Gesicht. Ein ehrgeiziger Hispano-Amerikaner, der kurz vor der Pensionierung steht und noch einmal einen spektakulären Fall wittert.
Der drogenabhängige ROGER SCOTT ist der erste, der nach zwölfstündiger Vernehmung zusammenbricht. Er gesteht, daß er und STYERS mit dem kleinen CHSRITOPHER statt zu "Santa" in die Wüste gefahren seien, in die 99. Straße, nördlich der Happy Valley Road. Hier laufen keine Weihnachtsmänner Reklame, hier sind die Klapperschlangen zu Hause. Was folgte, war eine regelrechte Exekution. SCOTT sagt aus, daß STYERS mit dem Kind in ein ausgetrocknetes Flußbett gegangen sei. Wenig später hörte er drei Schüsse. Danach kam STYERS wieder und sagte: "Der kleine Bastard wird mir nicht mehr auf die Nerven gehen." Und noch etwas teilt SCOTT dem Detective in wirren Worten mit. Zur Tat habe sie Debbie Milke, die Mitbewohnerin von STYERS, angestiftet. "Was sagte sie, soweit du dich erinnern kannst", fragt SALDATE. "Daß sie ihn loswerden wollte, daß sie nicht zur Mutter geboren sei. Und daß wir uns um ihn kümmern sollten", antwortet SCOTT. Dann führt er die Polizisten an die bezeichnete Stelle in der Wüste, wo man den kleinen Jungen in seinen Cowboy-Stiefeln findet.
SALDATE verständigt seinen Vorgesetzten von dem Fund, und teilt mit, daß er eine weitere Person verhören will: Debbie Milke. Er wird aufgefordert, wegen der Bedeutung der Aussage ein Tonbandgerät mitzunehmen. Doch Saldate ignoriert diese Anweisung und fliegt - mitten durch den aufkeimenden Medienwirbel - nach Florence. Dort sitzt Debbie Milke bei ihrem Vater, SAM SADEIK, und wartet auf eine Nachricht von CHRISTOPHER. Stundenlang hatte sie zuvor zu Hause in Phoenix das Telefon bewacht - mal in hysterischer Auflösung, mal in dumpfer Agonie - ehe ihre Stiefmutter sie zur Fahrt nach Florence überreden konnte.
Als SALDATE im Police Department ankommt, stürmt er als erstes den Medikamentenraum, in den man Debbie zwischenzeitlich gebracht hat. Er schickt alle übrigen Beamten hinaus und rückt den Stuhl auf Zentimeter an sie heran: "Dein Sohn wurde in der Wüste gefunden", beginnt er das Verhör, "er wurde erschossen. Und du stehst wegen Mord unter Arrest." - "Was, was", schreit Debbie Milke, doch ohne Tränen im Gesicht, wie SALDATE bemerkt haben will. "Ich werde dieses Geschrei nicht tolerieren", antwortet SALDATE, "ich bin hier, um die Wahrheit zu erfahren." Es folgt eine halbstündige Vernehmung, die nach Ansicht von SALDATE ein vollständiges Geständnis enthält und bis heute das einzige Beweisstück für den Mordvorwurf bildet. Doch weder gibt es ein Tonbandprotokoll noch einen Zeugen, geschweige denn eine Unterschrift von Debbie Milke. Alles Verhörmittel, die SALDATE zuvor bei SCOTT angewandt hatte. Nicht einmal die Notizen, die sich SALDATE während des Verhörs gemacht haben will, existieren. Er habe sie weggeworfen, erklärt er später dem Gericht. Dafür präsentiert er ein Erinnerungsprotokoll, das vom 6. Dezember 1989 datiert und knapp zehn Seiten umfaßt. Danach soll Debbie nicht nur gestanden haben, den Mord an Christopher angestiftet zu haben. Detailliert schildert sie auch ihr Verhältnis zur Familie, zum Kindesvater Mark, zu Gott, zu den Stiefeltern und nennt das Motiv ihrer angeblichen Tat: "CHRISTOPHER sollte nicht so aufwachsen wie sein Vater." Alles in 30-Minuten, unterbrochen von hysterischen Weinkrämpfen. Unmöglich, sagen RENATE JANKAS Juristen.
Nach dem Verhör wird Debbie Milke ins Gefängnis gebracht. Sie darf weder telefonieren noch Besuche empfangen. Debbie ist verzweifelt, aber ahnungslos. Noch glaubt sie, daß sie lediglich wegen Verletzung der Aufsichtspflicht im Gefängnis sitzt. Erst etliche Tage später teilt ihr der Pflichtverteidiger mit, daß sie des Mordes an ihrem Sohn angeklagt ist. Erst dann erfährt sie von dem angeblichen "Geständnis". Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Arizona schon in hellster Aufregung, fordern Staatsanwälte und Politiker bereits die Todesstrafe. "The crime of the eighties", jubeln die Medien und sezieren genüßlich den "Santa Claus Case". Später wird auch die SADEIK-Sippe geschlossen vor Gericht auftauchen: ihre Schwester SANDY, ihr Vater SAM und dessen zweite Frau MAUREEN sowie ihre Stiefschwester. Des weiteren ihr Ex-Mann MARK MILKE und ihre ehemals beste Freundin, DOROTHY MARKWELL. Gemeinsam werden sie in einer gesonderten Anhörung Debbie Milke zur Monster-Mutter erklären. Sie werden sie als vergnügungssüchtige Frau bezeichnen, als Trinkerin, die ihr Kind schlug, als mißgünstige Partnerin, die dem armen Ehemann die Vaterrolle mißgönnte, als Teufel schlechthin. "Wenn sie ein neues Kind erwartet, wird sie es wieder töten", so Sam Sadeik. Und dann werden sie einmütig für ihr Familienmitglied die Todesstrafe fordern.
Es ist dieser vollkommene moralische Bankrott einer Familie - ihrer Familie - der RENATE JANKA auch heute noch erschauern läßt. Damals glaubte sie an das Rechtssystem in Arizona, glaubte an das Geständnis ihrer Tochter. Vielleicht war es Scham, die sie in Deutschland bleiben ließ, vielleicht war es auch die Angst, ihre Tochter allein auf der Anklagebank zu sehen, ihr in die Augen schauen zu müssen.
Erst ein Hilferuf weckte sie auf. Verzweifelt hatte Debbie aus dem Gefängnis einen Brief geschrieben, an die einzigen Personen in Berlin, denen sie noch vertraute: "Oma und Opa - ist nicht wahr. Für meine Mutter und Alex! Bitte Oma!! Bitte!" kritzelte sie in unbeholfenem Deutsch auf das Kuvert. Da war das Todesurteil längst gesprochen. RENATE JANKA flog nach Arizona und begann den Fall neu aufzurollen: mit neuen Anwälten, neuen Beweisen. Doch zunächst mußte sie begreifen, was seit ihrer Abwesenheit geschehen war.
Debbie hatte seit dem Verlust der Mutter ihre neue Unabhängigkeit erprobt - ein walk on the wild side. In einer "Biker-Bar" traf sie den Teppichleger MARK MILKE: ein Borderline-Typ, gutaussehend, aber von unberechenbarem Charakter, dazu schwer drogenabhängig. Debbie verliebte sich, heiratete und wurde schwanger. "Ich dachte, wenn ich ein Kind hätte, dann würde ich das Gefühl von Einsamkeit und Leere verlieren. Und ich dachte, daß es Mark die Stärke geben könnte, die wir alle brauchten." Doch mit dieser Einschätzung lag sie falsch. MARK MILKE verbrachte die Zeit ihrer Schwangerschaft im Knast wegen Drogenbesitzes. Kaum in Freiheit, trieb er sich in Bars herum oder schoß Klapperschlangen in der Wüste. Debbie arbeitete teilweise in zwei Jobs, um die Familie durchzubringen. Der kleine CHRISTOPHER war oft bei SANDY, die zu der Zeit unbedingt ein Kind wollte. Sie bat Debbie um eine Freigabe zur Adoption. Doch Debbie lehnte ab, hoffte immer noch, daß MARK MILKE sich zu einem fürsorglichen Familienvater entwickeln würde. Als ihre Hoffnungen schwanden, reichte sie die Scheidung ein. Doch MARK war wie SADEIK. Er akzeptierte keine Trennung. Er schlug Debbie, drohte das Kind zu entführen. Eines Tages nahm er ihr die Autoschlüssel weg und brüllte sie an: "Nimm deine verlauste Brut und scher dich aus meinem Leben." Debbie flieht mit CHRISTOPHER zu JAMES STYERS, einem ehemaligen Freund ihrer Schwester SANDY. STYERS ist auf den ersten Blick das genaue Gegenteil von MARK: unauffällig, schweigsam, beinahe schüchtern. Er geht regelmäßig zur Kirche, studiert die Bibel, kümmert sich um die Nachbarskinder und um eine Tochter aus erster Ehe. Erst nach einiger Zeit erkennt Debbie, daß ihr neuer fürsorglicher room mate ein schwerkranker Psychopath ist, daß furchtbare Gespenster seine Träume bevölkern. Als Vietnam-Veteran hatte STYERS an Massakern unter der Zivilbevölkerung, an Frauen und Kindern, teilgenommen. Eines Tages erschießt er einen achtjährigen unbewaffneten vietnamesischen Jungen, der auf die Ladefläche seines Militär-LKWs zu klettern versuchte. "Notwehr", rechtfertigt er sich später vor der Untersuchungskommission.
Doch seine Opfer lassen ihn nicht mehr los. Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst hat er Alpträume. Und nachdem er sich bei einem Sturz auch noch eine schwere Kopfverletzung zugezogen hat, befindet er sich in regelmäßiger ärztlicher Behandlung. Er muß Lithium und Navane schlucken. Sein IQ liegt, wie Tests ergeben, mit 84 deutlich unterhalb des Durchschnitts. Auch für Debbie wird das Gemeinschaftsleben zum Alptraum. Unter Tischen und Schränken entdeckt sie Waffen und Munition. Und dann ist da noch ein Freund, den sie flüchtig zu Gesicht bekommt: ROGER SCOTT, ein labiler Drogen-Junkie, der unter paranoiden Wahnvorstellungen leidet. Er ist dem Vietnam-Veteran geradezu hündisch ergeben. Für SCOTT ist STYERS der große Alpha-Wolf.
Debbie ahnt, daß STYERS nicht nur die Wohnung, sondern auch das Bett mit ihr teilen will. Heimlich mietet sie ein neues Apartment an. Als sie den Vertrag unterschrieben hat, teilt sie STYERS mit, daß sie ausziehen wird. Es ist Thanksgiving. Für STYERS bricht eine Welt zusammen.
Keiner weiß, was der Veteran, der seine Dämonen hinter einer frommen Bibelfassade verbirgt, wirklich für Debbie empfindet. Ist er ein Mann wie SADEIK oder MARK MILKE, der keine Trennung akzeptiert? Hofft er, wenn er das letzte Band zu ihrem Ex-Mann zerstört, daß sie bei ihm bleiben wird? Erst in der Todeszelle wird der Kinds-Mörder sein Herz öffnen. In einem Brief an Debbie, Postadresse: Perryville, gesteht er ihr seine Liebe und zitiert die "Heilige Schrift". Psalm 51: "An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan, auf daß du recht behaltest in deinen Worten und rein dastehst in deinen Taten."
Wenige Tage, nachdem Debbie mit STYERS über ihren Auszug gesprochen, bettelt CHRISTOPHER um einen Besuch bei Santa Claus. STYERS bietet an, mit ihm zur Mall zu fahren. Debbie willigt ein und CHRSITOPHER zieht sich seine Lieblingssachen an. STYERS holt seinen Kumpel SCOTT ab. Debbie macht derweil ihre Hausverrichtungen. STYERS und SCOTT machen einen Stop bei Peter Piper Pizza, wo CHRSITOPHER seine letzte Mahlzeit zu sich nimmt. Debbie bügelt und klatscht mit den Nachbarn. Und dann fahren STYERS und SCOTT mit CHRSITOPHER in die Wüste hinaus - im Auto einen snub nose revolver, Kaliber 22.
Die Polizei fand nie heraus, wer von den beiden die Schüsse abgegeben hat, auch nicht, welche Waffe verwendet wurde - die Patronen hatten zu starke Deformationen davongetragen. So werden sowohl STYERS als auch SCOTT zum Tode verurteilt. Und auch Debbie landet auf der Anklagebank, obwohl es keinerlei Beweis für ihre Mitschuld gibt, nur das Wort eines einzelnen Polizei-Offiziers - und ein "Geständnis", das weder dokumentiert noch bezeugt noch unterzeichnet ist, aber auf das SALDATE heute noch "stolz" ist.
Als Motiv unterstellt man Debbie Habgier. Ihr sei es um die 5000-Mark-Prämie aus einer Lebensversicherung für CHRISTOPHER gegangen, behauptet die Anklage. Doch den Vertrag hatte nicht Debbie, sondern ihr Arbeitgeber, eine Versicherungsgesellschaft, für sie abgeschlossen. Im Rahmen der Sozialleistungen. Monatsrate: zwei Dollar!
Richterin und Staatsanwalt interessierte das alles wenig. Als sich keine Beweise fanden, ließen sie die SADEIK-Sippe aufmarschieren. Als das den Geschworenen immer noch nicht reichte und die Gefahr einer hanging jury (eines Patts) drohte, schickte Richterin HENDRIX - regelwidrig! - ein Tonband in den Beratungsraum der Geschworenen, ein Beweismittel, das nicht Gegenstand des Verfahrens war.
Es ist das Verhör mit Debbie's Schwester SANDY PICKINPAUGH, das SALDATE ausnahmsweise auf Tonband aufzeichnen ließ. Es sind die Worte einer eifersüchtigen, verbitterten Frau, die ihre Schwester als kaltes Gefühlsmonster bezeichnet. Ein Beweismittel, das der Staatsanwalt für nicht ausreichend hielt, um es dem Gericht zu präsentieren. Aber die Geschworenen endlich zu einer Entscheidung bringt: "Schuldig in allen Punkten." Die Öffentlichkeit atmet erleichtert auf, und die "New Times" darf titeln: "Hi, ich bin Debbie Milke. Und ich sitze ich der Todeszelle, weil ich meinen kleinen Jungen ermordet habe." Welcome in Prison State Arizona!
Neun Jahre sind seitdem vergangen. Und mehrere Appellationsversuche, die allesamt scheiterten. Sie landeten immer wieder auf dem Tisch derselben Richterin, Cheryl Hendrix, bis diese selbst wegen verschiedener Vorwürfe in eine andere Kammer versetzt wurde. Ganze Aktenberge hat RENATE JANKA inzwischen zusammengetragen, auch Enthüllungen über das Vorleben von Saldate: Danach verwarfen Gerichte in 25 (!) Fällen die von Saldate vorgelegten Geständnisse, weil sie offensichtlich manipuliert waren. Im Gegenteil: SALDATE wurde nach dem Prozess aufgrund seiner Popularität zum county constable - eine Art Friedensrichter - gewählt. Selbst SAM SADEIK, der später - todkrank! - seine Aussagen vor Gericht bereute, bezeichnete SALDATE noch auf dem Sterbebett als "Lügner". Anfang vergangenen Jahres war es dann soweit. Für den 29. Januar 1998 wurde ein Exekutionstermin anberaumt. Debbie durfte zwischen Gaskammer und Giftspritze wählen. Anders als die LaRAND-Brüder entschied sie sich für Gift. Sie erhielt einen sogenannten dry run, eine Trockenübung, bei der ihre Venen angezeichnet und ihre Reaktionen auf Video festgehalten wurden. Doch kurz vor dem eigentlichen Termin erhielt sie noch einmal einen Aufschub - für eine erneute Prüfung ihres Falles. Inzwischen sind alle Appellationsmöglichkeiten erschöpft und Rechtsanwalt Anders Rosenquist sieht nur noch eine Chance, die Vollstreckung zu verhindern. Ein Bundesgericht prüft derzeit noch einmal das Verfahren nach der "Habeas-Corpus-Akte". Keine Fakten zählen hier, keine neuen Beweise, lediglich die Frage, ob bei Debbie's Prozeß ihre Menschenrechte verletzt wurden. Kommt das Gericht zu einem entsprechenden Ergebnis, kann das Urteil aufgehoben und ein neues Verfahren angestrengt werden. Richter BROOMFIELD gilt als fairer, besonnener Mann. Doch im Land herrscht Lynchstimmung. "Ich habe keinerlei Skrupel, den Staat um die Vollstreckung zu bitten", sagte unlängst der Assistent des Generalstaatsanwalts, RANDALL HOWE. "Sie hat ihren vier Jahre alten Sohn zur Weihnachtszeit ermordet. Eine Begnadigung würde einen gewaltigen öffentlichen Aufschrei hervorrufen. Sie hat wenig Sympathien hier." Wir fahren nach Florence, zum vielleicht letzten Aufenthaltsort von Debbie. Ein freundlicher Polizist weist uns den Weg zum Hinrichtungshaus. Fotos dürfen nur außerhalb von 400 Metern gemacht werden. Dennoch kommt das FBI und will unsere Fotoapparate beschlagnahmen. Dafür dürfen wir im "Prison Outlet" Souvenirs kaufen, Gefangenenkleidung, Blechnäpfe und T-Shirts: "I survived the Arizona State Prison". Wir telefonieren auch mehrmals mit Debbie Milke, obwohl uns der Sprecher der Vollzugsbehörde, Michael Arra, warnt: "Debbie ist sehr wischi-waschi. Sie spricht nicht mit jedem." Wir verschweigen, daß wir mit Debbie Milke schon seit langem im Briefkontakt stehen und daß wir Tonbänder miteinander austauschen. Debbies Stimmung ist wechselhaft - mal voller Hoffnung, mal am Boden zerstört. Sie spricht über den Alltag, über gelegentliche Hof-Ausflüge, die sie allein in Ketten und in einem Käfig absolvieren muß, über kleine Unarten wie das Rauchen, über die Beschimpfungen der Mitgefangenen, die sie aus der Ferne über sich ergehen lassen muß. 10 Minuten dauert so ein Gespräch, wenn man Glück hat eine halbe Stunde. Inzwischen hat der Debbie-Krieg auch das Internet erreicht. Nachdem RENATE JANKA zusammen mit dem Berliner Webmaster "Fr@nkie" eine eigene Homepage nebst Guestbook eröffnete, hagelt es nicht nur Unterstützer-Mails, sondern auch wüste Beschimpfungen. Ein anonym bleibender ehemaliger Geschworener aus dem Prozess hat unter dem Decknamen "Juror" eine Gegenseite ins Leben gerufen: eine Debbie Milke-Hatepage [Anm.: besagte Seite ist seit Herbst 2001 von den Betreibern eingestellt worden], auf der sich nicht nur notorische Todesstrafenbefürworter tummeln, sondern auch die üblichen Verdächtigen: Debbie's Schwester SANDY, MARK MILKE und ein paar versprengte Reste des SADEIK-Clans. Hacker versuchen, die jeweils andere Seite zu knacken. Und SANDY darf erneut - diesmal im Internet - für ihre Schwester die "gerechte Strafe" fordern. Eine Harvard-Studie hat gerade über 100 Hinrichtungsfälle dokumentiert, in denen die angeblichen Täter nachweislich unschuldig waren. Eine Regierungsstudie geht sogar davon aus, daß in jedem sechsten Fall ein Irrtum vorliegt. Gerade hat eine Gruppe von Journalistik-Studenten in einer Art Übungsseminar einen Mann vor dem Henker retten können. Nur im weiten Land ist man nach wie vor der Meinung, lieber drei Unschuldige hinzurichten als zehn Schuldige laufen zu lassen. Doch es gibt auch andere Stimmen, etwa die des "Phoenix"-Magazins, der führenden Illustrierten in Arizona. In einem langen Artikel rollte sie vor einem halben Jahr noch einmal den Fall auf - und zog dabei ein nachdenkliches Resümee: "Sollten wir wirklich einen Gefangenen aufgrund der unbewiesenen Aussage eines einzelnen Polizisten hinrichten? Sind dies die Regeln, nach denen wir Leben und Tod in Arizona bemessen? Gerade in so einem verfahrenen Fall brauchen wir Gewißheit - brauchen wir eine Unterschrift, einen Zeugen und ein Tonbandgerät." Wie wahr - doch wäre es da nicht einfacher, es ginge in Arizona nicht mehr um Leben oder Tod ? Wer Debbie Milke helfen möchte, sollte an folgende Personen schreiben mit der Bitte um Wiederaufnahme des Verfahrens und einen "fairen Prozess":
Debbie im Netz: |
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Diese Seite wurde zuletzt bearbeitet: Monday, 03-Mar-2008 20:18:56 CST |
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